PIR HASAN HÜSAMEDDIN USSAKI DERWISCH ZENTRUM

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"Worte bleiben an der Küste."

Mit diesem alten Sufi-Spruch, der auf die Notwendigkeit der erlebten Erfahrung hinweist, möchten wir Sie begrüßen und Ihnen eine kurze Einführung in unser Ussaki-Derwisch-Zentrum Augsburg geben.
Wir hoffen, Sie sind nicht zu enttäuscht, denn hier gibt es keine "Tanzenden Derwische" zu sehen; diese sind die Spezialität einer anderen Sufi-Richtung, den von Celaleddin Rumi (1207-1273), genannt "Mevlana" (etwa: "Herr/Meister"), gegründeten Mevlewis. Doch bei einem Besuch können Sie das zentrale Gebetsritual unserer Sufi-Richtung kennenlernen, den Zikir.

1. Was ist ein Derwisch? Und was ein Sufi?

Das Wort Derwisch kommt aus dem Persischen, Sufi aus dem Arabischen. Beide Begriffe werden synonym verwendet; sie bezeichnen Anhänger des Sufismus, der islamischen Mystik, also Menschen, die sich aufgemacht haben, zu Gott zu finden. Sufis glauben, es sei möglich, Gottes Gegenwart schon vor dem Leben nach dem Tod zu spüren.

2. Spannungen zwischen Mystik und Orthodoxie

In Offenbarungsreligionen gibt es oft Spannungen zwischen der Orthodoxie und ihren mystischen Strömungen. Sufis ziehen z. B. die unmittelbare Erkenntnis der legalistischen Gelehrsamkeit vor. So lästert Sana'i (gest. ca 1131) über Abu Hanifa (gest. 767) und Shafi'i (gest. 820), die Gründer zweier großer Rechtsschulen: "Abu Hanifa hat keine Liebe gelehrt, Shafi'i kennt keine Überlieferung darüber." Auf der anderen Seite wird den Sufis vorgeworfen, ihre Praktiken seien nicht durch Koran und das Vorbild des Propheten Mohammed abgedeckt. Dieser Vorwurf kann bis zur Zerstörung von Sufi-Gräbern und Sufi- Heiligtümern, wie z.B. in Mali und Libyen im Jahr 2012 und durch den IS in Syrien, führen.

3. Der Sufiweg der Ussaki-Derwische

Die Ussakis (Ussaki bedeutet etwa: "mit/aus Liebe") haben sich zum Ziel gemacht, Gott durch Liebe nahezukommen - und über diese Liebe zum Schöpfer die von Ihm geschaffene Schöpfung zu lieben. Nur aus sich selbst heraus Liebe zu generieren, ist sehr schwierig. Der Ussaki-Sufiweg bietet deshalb spezielle spirituelle Übungen an, um das Ego zu schwächen. Das "Zikir" genannte Gebetsritual, das bei den Ussakis in einer lauten Form praktiziert wird (andere Sufi-Richtungen ziehen eine stille und eher meditative Form vor), soll das Herz von allem reinigen, was den Blick auf Gott verstellt.

4. Der Zikir der Ussakis

Die Sufis glauben, dass Gott ununterbrochen im menschlichen Herzen präsent ist und dass der Mensch sich mit Hilfe des Zikir der göttlichen Anwesenheit bewusst werden kann. Dieses Gebetsritual in der von den Ussakis verwendeten Ausprägung besteht aus der lauten Wiederholung des Namens Gottes und einiger seiner Attribute mit einer speziellen Atemtechnik. Dazu singt ein Teilnehmer der Gruppe sogenannte Ilahis, das sind vertonte religiöse Gedichte in volkstümlicher Form. Dabei soll keine Trance erreicht werden, sondern ein konzentriertes Schauen nach innen. Ziel ist das ununterbrochene Bewusstsein der Anwesenheit Gottes. Der Zikir kann auch im Alltag vom Einzelnen still während der ganz normalen weltlichen Aktivitäten ausgeführt werden. Angestrebt wird, dass die Rezitation selbstständig, quasi ohne bewusstes Tun, weiter im Herzen fortfährt.

5. Gründung des Ussaki-Sufiweges

Sayyid Hasan Hüsameddin ist der Gründer des Ussaki-Sufiweges. Er wurde im Jahr 1473 in Buchara im heutigen Usbekistan geboren. Als Sohn des Händlers Haci Teberrük geht seine Familie über Hasan ibn Ali und den 4. Kalifen Ali ibn Abi Talib zurück bis zum Propheten Mohammed. Die Grundlagen seines Wissens über den Islam und seiner mystischen Erziehung fanden noch unter der Aufsicht seines Vaters statt, dessen Tod eine Zäsur in seinem Leben darstellte. Aufgerufen durch einen Traum, überließ er das Familienunternehmen im türkischen Erzincan seinem Bruder. Sultan Murat III. bestand darauf, den berühmten Sufi-Meister nach Istanbul einzuladen. Dort gründete Hasan Hüsameddin Ussaki den Ussaki-Sufiweg. Doch war er mit der öffentlichen Aufmerksamkeit und dem Druck, den Sultan Murat III. auf ihn ausübte, nicht glücklich. Schließlich gründete er sein offizielles Derwisch-Zentrum in Kasimpasa, Istanbul. Er starb in Konya 121-jährig auf der Rückreise von seiner letzten Pilgerfahrt nach Mekka im Jahr 1594. Er ist im Ussaki-Zentrum in Kasimpasa begraben. Beim Ussaki-Sufiweg handelt es sich um die jüngste der 12 Hauptrichtungen des Sufismus.

6. Die Ankunft der Ussakis in Augsburg

Es begann mit einem Gastarbeiter aus der Türkei, der Ussaki-Derwisch war. Die ersten Derwische in der Stadt praktizierten ihren Zikir in anderen Moscheen. Doch bald gab es Spannungen zwischen den Gemeindemitgliedern und den Derwischen. 1995 wurde ein Verein mit 15 Mitgliedern gegründet und ein eigenes Sufizentrum in der Stettenstaße angemietet. Die Orientierung war immer noch auf die Türkei ausgerichtet. 2006 spalteten sie sich von der Gruppe in der Türkei ab und gründeten einen eigenen Zweig. Der Augsburger Zweig des Ussaki-Sufiweges wird von Ahmet Efendi geleitet.